Hansenhaus Rechts - Gemälde

Hansenhaus Rechts - Gemälde
Hansenhaus Rechts zu Marburg an der Lahn ca. im Jahre 1897 - Gemälde von Friedrich (Fritz) Klingelhöfer (04.061832 - 09.11.1903) Marburger Landschaftsmaler - Bildarchiv Foto Marburg 221331

Mittwoch, 7. Februar 2018

Die 5. Jahreszeit im Hansenhaus

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Marburger Karneval

 

Die Samstage zwischen Neujahr und Rosenmontag waren bei den Marburger Karnevalisten ein hoch begehrtes Gut. 

Um einen dieser begehrten Samstage zu ergattern, standen die Marburger Vereine und Institutionen alljährlich bei den Marburger Festsaalbesitzern Schlange.

Gemeinschaftshäuser und für jedermann zugängliche und buchbare Verbindungshäuser gab es noch nicht. Besonders in den Jahren mit einer kurzen fünften Jahreszeit kam es oft zu Engpässen. Einige Vereine mussten dann auf den damals unbeliebten Freitag ausweichen. 

Jeder Verein legte besonderen Wert auf eine eigene Dekoration. Schon Tage vor dem eigentlichen Termin wurden die Säle entsprechend geschmückt.


Fasching der Marburger Feuerwehr


Das nachfolgende Foto zeigt im Hintergrund einen Teil der Faschingsdekoration der Marburger Feuerwehr. Im Vordergrund sehen wir die Mannschaft des Hansenhaus Rechts vor dem Festbeginn.


Vor der Faschingdekoration der Marburger Feuerwehr wartet die Mannschaft von Friedrich Carl „Fritz“ Schmenner (Mitte), von links: Hella Schmenner, Seppl Krapp, Jakob Boß, Fritz Daub u. Dine Schwarz auf den Beginn der Faschingsveranstaltung.      Quelle: Nachlass Freia Höhne, geb. Schmenner; Copyright: Wolfgang O. H. Schmenner (WOHSCH / SDS Marburg)




 Hubertus Schmenner erinnert sich:
Die Dekoration im Saal wurde für eine Faschingsveranstaltung der Marburger Feuerwehr hergerichtet. Der ganze Saal wurde im Stiel einer Bayern Landschaft dekoriert. Ich meine, es war 1951 oder 1952. Der beiden Kellner waren Seppl Krapp aus Weidenhausen (im Hauptberuf Schneider wie Hermann Immel) und der andere war Fritz Daub. Er wohnte am Hainweg. Rechts auf die Foto ist Dine Schwarz zu sehen. Sie war zu dieser
Zeit Hausmädchen im Hansenhaus Rechts und stammte aus Wittelsberg.
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Mittwoch, 31. Januar 2018

Friedrich "Fritz" Klingelhöfer - Teil 1

Fritz "Friedrich" Klingelhöfer,
gemalt in Öl von Carl Bantzer
Bildarchiv Foto Marburg: fm221272.
Dem ersten international bekannten Marburger Maler Friedrich "Fritz" Klingelhöfer ist es zu verdanken, dass es vom Hansenhaus Rechts ein Gemälde in Öl aus dem Jahre 1897 von der nach Osten zugewandten Seite gibt.

Fritz Klingelhöfer stand mit seiner Staffelei an der Grenze zum Staatsforst, nahe der neu erbauten Revierförsterei Hansenhaus. Er malte dieses Bild sehr wahrscheinlich in den Morgenstunden um die frischen Lichtstrahlen der in seinem Rücken aufgehenden Sonne auszunutzen. 

Bildarchiv Foto Marburg: fm221331
Leider wird dem breiten Publikum das Gemälde nur in Form einer Schwarz-Weiss-Reproduktion zur Verfügung gestellt. Diese wurde im Jahre 1968 während einer Ausstellung von Bildern von Friedrich "Fritz" Klingelhöfer im Kunstmuseum der Philipps-Universität angefertigt. Das Originalgemälde befindet sich in Privatbesitz.

Der Marburger Landschaftsmaler malte das Hansenhaus Rechts zwischen zwei Bauphasen. Der heutige Gastraum mit Theke (die Wirtschaft) war kurz vorher aufgestockt worden. Der Anbau des Saalbebäudes (heute Speisesaal) war noch nicht begonnen.

Der Architekt August Dauber erinnerte mit einem Artikel in der Ausgabe Nr. 26 der Oberhessischen Zeitung vom 31. Januar 1920 an den ersten international bekannten Marburger Maler Fritz (Friedrich) Klingelhöfer: 

Oberhessische Zeitung – Nr. 26 – 31. Janur 1920 

Der Marburger Maler Fritz Klingelhöfer 

Wenn dereinst die Forschung sich der Geschichte der Marburger Malerei des 19. Jahrhunderts zuwenden wird, ist dabei eines hervorragenden Künstlers und Menschen zu gedenken, dessen hohe Kunst in der Heimatstadt Marburg wurzelt und dessen Spätzeit wir zahlreiche interessante Schilderungen seiner engeren und weiteren Heimat verdanken, die für deren Kultur von besonderem Werte sind und sie ihm zu dauerndem Danke verpflichten müssen. Es ist der Maler Fritz Klingelhöfer, dessen Persönlichkeit uns Marburgern noch im Gedächtnis und dessen Werke wir mit entstehen sahen.

Es ist dem damals noch auf hoher Stufe stehenden Mal- und Zeichenunterricht der hießigen höheren Schulen zuzuschreiben, daß auch dieses Talent früh erkannt und gefördert wurde. Am 4. Mai 1832 in Marburg in einem jetzt verschwundenen Hause an der alten Biegenbrücke am Pilgrimstein geboren als der älteste Sohn des Amtswundarztes Jakob Theodor Klingelhöfer, eines alten Kurhessen, dessen Geburtsort Schweinsberg war, und seiner Ehefrau Christine geb. Deiner, einer gebürtigen Nassauerin, aus Diez a. d. Lahn, erhielt er den ersten Unterricht unter den Malern Hach und Gustav Creuzer, dem feinsinnigen Maler der Romantik, dessen Wirken uns eine kleine Ausstellung seiner Werke im letzten Jahre zeigte, in der damaligen Realschule.

Sehr gegen den Willen seines Vaters, der ihn bei dem damaligen Darniederliegen der künstlerischen Betätigung gern seinem Berufe zugeführt hätte, wandte er sich in jungen Jahren ganz, dem inneren Drange folgend, der hohen Kunst zu und bezog mit 16 Jahren die Kunstakademie in Cassel. Hier fand er die Grundlage für seine fernere Entwicklung, und begeisterte Freundschaft auf Lebenszeit verband ihn mit gleichgesinnten Künstlern, von denen die Namen des Fritz von Wille, Theuerlauf und Arenz später bekannt wurden, Bedeutung gewannen. Diese bestimmten ihn auch, den Casseler Aufenthalt mit dem an der damals in hoher Blüte stehenden Akademie in Düsseldorf zu vertauschen. Gar oft schilderte er in trauter Runde begeistert seine dortigen Erlebnisse in der Künstlergesellschaft „im Malkasten“. Hier war es vor allem Achenbach, der dauernden Einfluß auf sein Leben gewann und ihn zum ausgesprochenen Landschafter werden lies.

Der immer stärker werdende Widerstand des Vaters gegen sein selbstgewähltes Lebensziel veranlaßte ihn im Jahre 1851 sich auf eigene Füße zu stellen, und so ist er mit 19 Jahren nach Amerika ausgewandert. Nach mancherlei Irrfahrten in diesem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten faßte er jedoch bald Fuß, wobei ihm seine außergewöhnliche Gewandtheit, malte er doch fast alle Bilder „in prima“ fertig, zustatten kam.

Er war als Illustrator für große Zeitungen tätig und fand eine Anstellung an einem der vornehmsten Töchterinstitute der Südstaaten als Professor der Malkunst mit 700 Dollar Jahresgehalt. Durch die 3-4 Monate sich ausdehnenden Ferien blieb ihm genügend freie Zeit für seine künstlerischen Neigungen.

Diesem Aufenthalte hatte er es zu verdanken, daß er ganz gegen seine Überzeugung zum Eintritt in die Armee der Südstaaten in dem nordamerikanischen Bruderkriege gepreßt wurde, welchem Zwange er jedoch alsbald durch die Flucht entrann. Nach seiner ersten Rückkehr im Jahre 1871 erhielt er von seinem Freunde Mittler, einem geborenen Wetteraner, aus Amerika die Nachricht, daß ihm die Stelle an dem Töchterinstitut wieder offen sei.

Dem Wunsche der Mutter, die ihn nach dem langen Fernsein und des Vaters Tode in der Nähe behalten wollte, kam er gern nach und zog nach München, wo er reichen Absatz für seine Bilder bei den nach dem erfolgreichen französischen Kriege nach der Heimat zurückkehrenden Deutsch-Amerikanern fand. Hier trat er mit manchem Künstler von klangvollem Namen wie J. A. von Kaulbach, Wilhelm Busch u. a. in engeren Verkehr, und manch heitere Episode wußte er von ihnen und dem Leben in dem Künstlerkreise der „Allotria“ zum Besten zu geben.

Sein Wandertrieb ließ ihn jedoch nicht lange an der Heimatscholle haften. Den Antrag aus Amerika hatte er ausgeschlagen und wurde hier mit dem Afrikareisenden Dr. Claus, einem Marburger, bekannt, der in Klingenhöfer den geeigneten Begleiter, einen der Sprache gewandten Mann, fand und ihn bestimmte, ihn nach dem Neuland Afrika, der Kongogegend, zu begleiten, um ihn bei dem Tauschhandel mit den Eingeborenen zu unterstützen. Klingelhöfer sagte umsomehr zu, als er reiches Material für seine Studienmappe erhoffte, und den klimatischen Einflüssen sich gewachsen fühlte, nachdem er doch auch in Amerika längere Zeit in den Tropen gelebt hatte. Im Jahre 1873 fuhr er mit einem Woermann - Segelschiff nach Afrika. Neben dem Tauschhandel blieb ihm hinreichend freie Zeit zu seiner künstlerischen Betätigung, der er sich voll und ganz hingab. Es sind mit die ersten farbigen Schilderungen der fernen Tropen Afrikas, die wir seiner geübten Hand verdanken. Er war einer der Pioniere, die deutschen Geist und Kultur nach dem fernen Erdteil brachten, uns die Kenntnis unserer späteren Kolonien vermittelte.

Das Handelshaus Woermann in Hamburg gab ihm den Auftrag, dessen dortige Faktoreien im Bilde festzuhalten, und deren Vertreter gaben hm weitere Aufträge zu neuen Schöpfungen.

Mit besonderem Interesse lernte er durch seine Reisen die heimischen Negerstämme kennen. Ihre hohe Kultur veranlaßte ihn zur Sammlung deren Produkte, Waffen und Ausrüstungsgegenstände, wozu der Tauschhandel die Grundlage abgab. Diese Neigung verstärkte der Verkehr mit dem Afrikareisenden Professor der Geographie Dr. Bastian, dem Gründer und späteren Direktor des Völkermuseums in Berlin, in dessen Auftrag er planmäßig vorging. Dieser Tätigkeit Klingelhöfers verdanken wir eine Anzahl Räumeaustattungen obigen Museums über Leben und Treiben der Negerstämme Zentralafrikas, deren Ausstellung er nach seiner Rückkehr persönlich leitete. Manche seltene Stücke verdankt das Museum seiner Richtung.

Seine Rückkehr im Jahre 1876 bedeutete für Marburg ein Ereignis. Neben den mancherlei Kleidungs- und Ausrüstungsstücken der Negerstämme für Krieg, Jagd und Fischerei, Weberei, Elfenbein- und Goldschmiedekunst, die von ihrer hohen Kultur ein getreues Bild gaben, waren es lebende Tiere und Reptilien, ausgestopfte Vögel und deren präparierte Bälge, die Aufsehen erregten. In dieser Zeit wuchs das Interesse für das fernliegende Land, und durch die interessanten Vorträge und Publikationen Bastians fanden Klingelhöfers afrikanische Bilder viele Liebhaber.

Auf Veranlassung Bastians unternahm er im Jahre 1876 seine zweite Afrikareise, die ihn weiter nach dem Inneren brachte und größere Expeditionen ausrüsten ließ. Die Früchte seiner Reise zieren noch heute das Berliner Völkermuseum. Vor allem bereicherte er auch hierbei seine Studienmappe mit herrlichen Studien aus Afrikas Tropen und aus den Ländern der Rückreise von Madeira, Spanien und Portugal herrührend.

Nach der Rückkehr im Jahre 1879 lebte er in Marburg und verbrachte den Winter in Düsseldorf und Weimar, wo er mit dem Maler Pilz bekannt wurde, dem wir schöne Genrebilder von Marburgs Umgebung verdanken. Später zogs ihn nach Berlin. Den Sommer verbrachte er in Marburg, wo er dauernd den zahlreichen Aufträgen nach den afrikanischen Schilderungen nachkommen mußte. Wie er selbst sagte, kam er damit in Mode. Seine Bilder fanden reißenden Absatz. Gar manches Gutshaus in der Mark und Ostpreußen zeigen seine Schöpfungen, die hier in der engeren Heimat nur spärlich vertreten sind. Auch hier erwachte seine Sammlertätigkeit, die ihn in seiner späteren Zeit nie verließ und ihn zum Kunsthändler im idealen Sinne werden ließ. Gar mancher Herrensitz Deutschlands, auch die Marienburg in Westpreußen, das Germanische Museum in Nürnberg, die Museen in Cassel, Frankfurt und Darmstadt, sowie dasjenige auf dem hiesigen Schlosse, danken ihm mit die besten Stücke. Noch heute gleicht seine Wohnung in der Reitgasse, die sich unverändert erhalten, einem intimen Museum von malerischem Reize.

Das überaus reiche Studienmaterial seiner afrikanischen Reisen hatte berechtigte Bewunderung und Aufsehen erregt. Leider blieben ihm die Früchte dieser anstrengenden Jahre versagt. Sein bestes Material wurde ihm durch die Untreue eines Schülers gestohlen, der es, als er sich entdeckt sah, vernichtete. Dieser harte Schlag nahm ihm jede Schaffenslust und Lebensfreude. Erst allmälich fand er Trost in seiner Kunst. Diesem Zufall verdanken wir es vor allem, daß er sich in den Schönheiten der engeren Heimat wiederfand. Es waren herrliche Gesamtbilder von Marburg, gesehen von allen Himmelrichtungen in allen möglichen Variierungen seiner Vorder- und Hintergründe. Dann weiter stimmungsvolle Schilderungen seiner stillen Gassen und trauten Winkel, die jedoch größtenteils an Alt-Marburger nach Amerika verkauft wurden. Es sind auch mit die besten farbigen Gesamtbilder Marburgs geblieben. Nochmals später, 1901, als es galt, dem Lloydampfer „Marburg“ ein Bild der Stadt zu Verehren, erinnerte man sich des Meisters Klingenhöfer, der die gestellte Aufgabe hervorragend löste, dieses ist sein letztes Stadtbild geblieben.

Auch in den Dienst der Kritik stellte er die Kunst, als damals die Schuhmarkttreppe nach der Reitgasse, eine städtebaulich interessante Anlage, beseitigt wurde. Zwei Bilder geben Zeugnis davon, wie sich das Städtebild vor und nach der Beseitigung ausnimmt und welche Werte verloren gingen.

Seine produktive Zeit als Maler in der engeren Heimat fällt erst nach seinem 60. Jahre. Sie zeigt den Meister in voller Reife und Schaffenskraft. Manches schöne Werk dieser Zeit ist noch im Besitze der jetzt hochbetagten Schwester geblieben, soweit sie nicht inzwischen in den Besitz von Liebhabern und Sammlern übergingen. Es sind Schilderungen der Gegend von Niederwalgern, dem Salzböde- und Lumdatal, dem Ohmtal und dem Waldeckerlande, dem Tal der Orke und Itter.

Eine der letzten größeren Arbeiten war ein Auftrag des Gutsbesitzers Hofmann, dessen altehrwürdiger Deutschhaushof in Marburg der Stadterweiterung zum Opfer fiel. Es galt ihn im farbigen Bilde festzuhalten und dabei noch solcher Teile zu gedenken, die längst verschwunden. In 8 Einzelbildern und einem Gesamtbilde hat er diese für unsere Ortsgeschichte bedeutsame Aufgabe vollendet gelöst. Nachdem sich die Familie zerstreute, und der neuerbaute Besitz in andere Hände überging, wäre es vielleicht möglich, diese Bilder für unser im Aufblühen befindliches Stadtmuseum zu erwerben und damit für Marburg zu retten. Sie haben ganz besonderes ortsgeschichtliches Interesse.

Neben dem feinsinnigen, bescheidenen Künstler ist es jedoch der prächtige, treue Mensch und Gesellschafter, dessen feines Gemüt allabendlich einen zahlreichen Freundes- und Bekanntenkreis im sogenannten „Golf“ um sich vereinte. Mit seinen humorvollen Schilderungen aus der Wanderzeit und dem interessanten Verkehr mit bedeutenden Menschen bildete er stets den Mittelpunkt der Gesellschaft und Führer der geistvollen Unterhaltung. Sein hervorragendes Sprachtalent, das ihn besonders bei dem langen Aufenthalt in den Tropen nicht verließ, beherrschte er doch eine ganze Anzahl der Negerdialekte, kam ihm hierbei zugute. In dem Bilde seines Freundes Carl Bantzer ist der Mensch und Künstler Fritz Klingelhöfer auf Beste der Nachwelt erhalten.

Gar mancher junge Künstler erhielt bei ihm Anregung und Förderung. Noch in seinen letzten Lebensjahren vereinigte er eine größere Schar talentvoller Schüler und Schülerinnen um sich, denen er die Schönheiten der Heimat begeistert zu schildern wußte. 

 Seine persönliche Freundschaft und sein Verkehr mit allen führenden Meistern des hessischen Kunstschaffens in Cassel, Willingshausen, Frankfurt und Marburg selbst, prädestinierten ihn zu ihrem Mittelpunkt. Alle diese Meister gaben sich bei unserem „Massa“, wie er genannt wurde, ein Ste.dichein, sodaß sein Tod, der infolge eines Schlaganfalles am 9. November 1903 eintrat, auch in diesem Sinne sehr bedauert wurde.

Die kleine Ausstellung bei Elwert hier vereinigt eine Auswahl seiner hinterlassenen Werke aus der Afrikaperiode und dem letzten Lebensabschnitt, die ein getreues Bild von dem Wirken und den Leistungen des Meisters geben. Sein erstes größeres Oelbild aus der Casseler Zeit, ein Stilleben mit einem mächtigen Hunde, verdanken wir der Pietät der lebenden Schwester, da er selbst es zu gern später übermalt hätte. Die Familienbilder gehören der Amerikazeit an und sind mit die ersten bekannten Werke Kingelhöfers bis auf des Vaters Bildnis. Dieses stammt von dem Marburger Maler Lauer, der später in Rußland Professor wurde und dort verstorben ist.

Die afrikanischen Bilder zeigen Klingelhöfer in seiner Vollkraft. In ihrer sonnigen Stimmung und üppigen Farbenpracht erkennen wir so recht den Zauber der Tropen, und es ist zu leicht zu verstehen, daß ihr erstes Auftreten in Berlin berechtigtes Aufsehen erregte. Man glaubt ein Feenland vor sich zu haben. Sie sind duftig gemalt mit weiten, fein abgetönten Fernen, was wohl sein Eigenstes ist. Meisterhaft sind vor allem die heimischen Werke aus seinem letzten Lebensabschnitt in Zeichnung, Auffassung und Farbengebung. Der sonnige Hauch, der die Bildwerke überzieht, ruht wohl noch von der ihm aus der afrikanischen Zeit anhaftenden Malweise her. Alle Motive sind äußerst geschickt gewählt und der Natur ziemlich nahe gebracht.

Zu bewundern ist, mit welcher Sicherheit er die verschiedensten Stimmungen und Beleuchtungen spielend festzuhalten wußte.

Er ging in seinen Werken voll auf und beachtete trotz hohen Alters nicht die Strapazen und Entbehrungen, denen er bei der Ausführung ausgesetzt war. Stets war es sein goldiger Humor, der ihm alles verschönte, und manch heiteres Erlebnis wußte er bei Rückkehr von seinen Studienfahrten im näheren Bekanntenkreise zum Besten zu geben.

Seine Sammlertätigkeit ging über den Rahmen des Alltäglichen weit hinaus und war ihm zu Passion geworden. Sein Name hatte bei den Leitern unserer großen deutschen Museen einen guten Klang, und selten versäumten diese Herren auf ihren Reisen bei ihm einzukehren und aus seinen Ateliers, die voll solch alten Krams steckten, reiche und wertvolle Beute zu gewinnen. Neben den Bildwerken bedeutender Meister waren es vor allem Werke der Möbel- und Kleinkunst, der Kostüm- Goldschmiedekunst, der heimischen und hessischen Keramik und Fahencemalerei, der er mit großer Liebe nachging. Man meinte in ein Märchenland zu kommen, wie mir einmal Professor Max Länger bemerkte, wenn man durch das Neben- und Uebereinander in seinen Sammlungsräumen und Ateliers kam, die weniger Ordnung als malerisches Durcheinander aufwiesen. Am malerischsten war natürlich der Meister selbst, wenn er inmitten des Chaos emsig an der Staffelei saß mit der charakteristischen dünnen Negerzigarre im Munde, wie er uns im Bantzerischen Bilde getreu erhalten ist.

Nun ruht er schon seit Jahren auf dem alten Weidenhäuser Friedhofe in Marburg an der Seite seiner Eltern von seinem Schaffen aus. Dieses Recht hatte er durch den Wohnsitz der Eltern am Pilgrimstein erworben. Sein Geist und Bild ist noch heute bei seinen Freunden und Verehrern lebendig. Daß es auch im weiteren Kreise lebendig bleibe, dazu mögen diese Zeilen dienen und ein Denkmal bedeuten für den weitgereisten Forscher, den bescheidenen Künstler und nicht zuletzt für den tüchtigen Sohn seiner Vaterstadt.

Marburg, im Januar 1920.
August Dauber


 

Unter der Quellnummer 105 auf Seite 963 des Buches Marburger Geschichte - Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen - ISBN 3-9800490-0-0 befindet sich nachfolgender Vermerk:
Das Marburger Universitätsmuseum für Kunst und Kulturgeschichte versammelte im September/Oktober 1968 insgesammt 77 Gemälde Klingelhöfers, das heißt alle damals erreichbaren Werke zu einer Ausstellung. Ein Katalog konnte nicht gedruckt werden, doch fertigte das Bildarchiv Foto Marburg von allen damals bekannten und von einigen später bekanntgewordenen Gemälden Aufnahmen an.
Ferner lesen wir auf Seite 963
Während in älterer Zeit unter den in Marburg lebenden Malern Lehrer-SchülerVerhältnisse nicht zu erkennen sind, ist im 19. Jahrhundert eine, wenn auch nur lose, Verbindung zwischen den Generationen zu beobachten. Hach und Creuzer unterrichteten Friedrich Klingelhöfer, er wiederum wurde zum Mentor des jungen Carl Bantzer in dessen Berliner Zeit.

 Nachfolgend noch ein Ausschnitt mit Foto aus dem Jahre 1987 aus dem Artikel
Kulturhistorisch bedeutsam, doch vom Vergessen und Verfall bedroht: DER ALTE JOSTFRIEDHOF

von dem Marburger Lokalhistoriker und Pfarrer i.R. Friedrich Dickmann.

Grabstätte des 1903 verstorbenen
Malers  Fritz Klingelhöfer im Jahre 1987

Unweit der Südseite der Kapelle befindet sich das verstümmelte Marmorkreuz des Malers Fritz Klin­ gelhöfer, der 1903 als 73-jähriger starb und neben seinen Eltern
... und im Jahre 2017
beigesetzt wurde. Seine Lehrjahre, so erzählt Georg Rumpf, verbrachte er in Amerika, seine Wanderjahre in Afrika. Viele seiner farben­ prächtigen Ölgemälde befinden sich im Privatbesitz Marburger Familien, einige auch in unserem Museum. Zusammen mit den Malern Bantzer, Giebel, Baum und Thielemann gehörte Klingelhöfer zu der bekannten Malerkolonie von Willingshausen in der Schwalm. Klingelhöfers Mutter, eine gebore­ne Deinert, stammte aus Weidenhausen, so daß der Maler, der in der Reitgasse 4, dem ehemaligen Caffe Markees, gewohnt hatte, berechtigt war, auf dem Weidenhäuser Friedhof zu ruhen. 


Im Teil 2 wird eine Kopie der Original Zeitung "Oberhessische Zeitung" mit dem Artikel von August Dauber vorgestellt.

Teil 2: In Bearbeitung











Mittwoch, 1. November 2017

Neue Prommenade zu den Hansenhäusern

Es stand in der Oberhess ...

Oberhessische Zeitung vom 28. November 1907
Rubrik: Marburg und Umgebung

Ein neuer Promenadenweg ist jetzt auf Veranlassung des Verschönerungsvereins von der Weintrauteiche an mitten durch die Kirschenallee unter dem Rabenstein (Anmerkung: Richtstätte) entlang nach dem Hansenhaus angelegt worden. Dieser Weg, der jetzt vollendet ist, bildet eine schöne Fortsetzung der seitherigen Bergpromenade (Anmerkung: Heute Bismarckpromenade).

Bemerkt sei, daß man bei den Wegearbeiten in ganz geringer Tiefe auf dem Felsen ein menschliches Gerippe ohne Kopf fand (Anmerkung: Stammt das Gerippe von der letzten Hinrichtung auf der Richtstätte Rabenstein; oder war es tatsächlich älter?). Daselbe rühr ganz bestimmt von einem in früheren Jahrhunderten hier hingerichteten Missetäter her, den man gleich an Ort und Stelle verscharrte.

Wie man uns ferner mitteilt, soll die ganze Promenade dort nach und nach mit Zierbäumen bepflanzt werden, da die Kirschbäume doch keine Art hätten.

Anmerkung zu Verlauf der neuen Promenade:

Vom Rabenstein verlief diese nach heutiger Sicht schräg zum Gerichtsweg bis zur Bushaltestelle (Wendekreisel). Von dort aus über den heutigen Hansenhäuser Weg, nach dem heute nicht mehr existierenden mittleren Zugang zum Hansenhaus Rechts, bis zum Hansenhaus Links.

Man sprach damals von der verlängerten Bismarckpromenade.




Ausschnitt aus dem Pharus Plan Marburg an der Lahn von 1931

Ausschnitt aus dem Pharus Plan Marburg an der Lahn von 1931


Mittwoch, 1. März 2017

1868 - Es steht im Adressbuch ...

Das älteste verfügbare Adressbuch der Stadt Marburg von 1868 verfügt über vier Einträge mit dem Namen Schmenner
  • Heinrich Schmenner, Töpfermeister, Ketzerbach 490
  • Daniel Schmenner, Töpfergeselle (Sohn des Heinrich), Ketzerbach 490
  • Katharine Schmenner, Witwe, Grün 575
  • Johannes Schmenner, Wirth auf dem Hansehaus, Weidenhäuser Thor 762
Bemerkenswert ist, dass nicht auf ein weiteres Anwesen von einem Schmenner (Hansenhaus Links) hingewiesen wird. Bereits 1745 wurde davon berichtet.

Mit der Bezeichnung Weidenhäuser Thor 762 ist nicht das Thorhaus gemeint. Es handelt sich lediglich um eine Straßen-/Ortsbezeichnung und eine Hausnummer.

Alle Häuser vor dem Weidenhäuser Tor erhielten zu dieser Zeit die Kennzeichnung Weidenhäuser Tor vor der Hausnummer.

Das Adressbuch des Jahres 1876 nennt die Hausnummern 759 und 760 für die vor Weidenhausen liegenden Siechen und für das Städtische Thorhaus die Nummer 748. 

Im Adressbuch des Jahres 1874 ist der Name Schmenner fünf mal vertreten.
  • Schmenner, Tagl. (Tagelöhner?), Haus Nr. 92
  • Heinrich Schmenner, Töpfer, (Ketzerbach) Haus Nr. 490
  • Katharine Schmenner, Witwe, (Grün) Haus Nr. 448
  • Schmenner, Oecon. (Oeconom), (Hansehaus / Weidenhäuser Thor) Haus Nr. 762
  • Johannes Schmenner, Wirth auf dem Hansehaus, (Weidenhäuser Thor) Haus Nr. 762
Ob es sich bei dem Oeconom Schmenner umd Johannes Schmenner handelt ist aus diesen Einträgen nicht ersichtlich.

Bereits im Jahr 1876 verzeichnet das Adressbuch nur noch einen Schmenner auf dem Hansehaus
  • L. Schmenner, Oekonom und Wirth, Auf dem Hansehaus, Haus Nr. 762 und 763
Dies ist der erste Hinweis in einem Adressbuch auf ein zweites Hansehaus.

Ferner wird im Adressbuch von 1876 unter Ortsangabe Auf dem Hansehaus ein weiteres Anwesen mit der Hausnummer 764 aufgeführt. Es handelt sich hierbei um die (Alte) Schäferei auf dem Glaskopf.

Warum die Schäferei unter der Bezeichnung Auf dem Hansehaus und nicht unter Cappel geführt wird ist noch unklar, war sie doch seit 1774 im Eigentum (Erbpacht) von Cappeler Bauern. 

Im Marburger Sippenbuch wird unter den sehr umfangreichen Aufzeichnungen über den Namen Schmenner an einer einzigen Stelle über einen vermuteten gleichzeitigen Besitz von Schäferei und Hansehaus eine entsprechende Bemerkung gemacht. Diese ist aber noch nicht belastbar und muss noch überprüft werden. 

Bis dahin ist davon auszugehen dass dies nur eine logische fortlaufende Hausnummerierung ist. 

Eine weitere, noch zu überprüfende Möglichkeit ist, das der  ".. Schmenner, Oecon. (Oeconom), (Hansehaus / Weidenhäuser Thor) Haus Nr. 762 ..." der ältere Bruder des Friedrich Schmenner, Ludwig Schmenner, war.

Es war zu jener Zeit üblich, dass nur Hausbesitzer im Adressbuch genannt wurden. Es besteht deshalb die Möglichkeit, dass Ludwig Schmenner zeitweise durch Gewährung von Darlehen in Form von zeitweiser Übernahme der Immobilie temporärer Eigentümer dieser wurde; so auch des Hansenhaus Rechts und der Alten Schäferei auf dem Glaskopf bei Marburg.




Adressbuch der Stadt Marburg - 1868 - Stadtarchiv Marburg


Adressbuch der Stadt Marburg - 1868 - Stadtarchiv Marburg

Sonntag, 1. Januar 2017

Public Relation anno 1910

Bereits um 1910 wurde diese dreiteilige Ansichtskarte vom Hansenhaus Rechts zu Marburg an der Lahn unter Einbindung der Familie und Gästen geschaffen.


Das große Bild zeigt den wunderbaren Blick auf, und größtenteils auch über, das damalige Marburg. Gegenüber heute war der Blick auf Schloß, Rathaus, Altstadt, Elisabethkirche und das Lahntal bis Wehrda noch nicht zugewachsen und zugebaut.


Das kleine Bild links zeigt den Wirt Friedrich Schmenner (24.02.1854 - 11.11.1918), seine Töchter Käthe und Emilie sowie seinen Sohn und späteren Nachfolger Friedrich Carl (Fritz) Schmenner (27.07.1896 - 06.11.1974) mit feiernden Studenten auf der heute noch existierenden Wiese unterhalb des seinerzeit dritten (unteren) Gastgartens.


Das rechte kleine Bild zeigt die dritte Tochter Lina sowie die Mutter und Ehefrau Auguste.


Übrigens, es war bis in die 60er Jahre in Marburg üblich, dass der Blick von 
  • Hansenhaus Links
  • Hansenhaus Rechts
  • Promenade zwischen den Hansenhäusern
  • Richtstätte Rabenstein
  • Weintrautseiche
  • Bismarckturm
  • Cafe Brose
  • Spiegelslust
  • Kaiser Wilhelm Turm 
  • Schäfereiche
  • Freitagstempel
  • Augustenruhe
  • Hirsefeldsteg
  • Lichter Küppel
auf Marburg, ohne wenn und aber, regelmäßig freigeschnitten wurde. 

Anekdote
Friedrich Carl (Fritz) Schmenner rief in unregelmäßigen Abständen seinen Freund und amtierenden Oberbürgermeister Georg Gaßmann an und begann das Gespräch mit folgenden Worten: Schorsch, ich kann das Rathaus nicht mehr sehen.


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Donnerstag, 1. Dezember 2016

Wie alles begann - Teil X

Marburg in alten Bildern

Die Oberhessische Presse veröffentlichte am Dienstag, den 12. April 1994, auf der Seite Marburg unter der Rubrik Marburg in alten Bildern einen Artikel über die Schmenners und die Hansenhäuser.

Das alte Bild zum Artikel stammt von einer 2 Bild Ansichtskarte aus dem Jahre 1915. Fotograph war der seinerzeit sehr bekannte J. Hedderich aus Dreihausen. 
Der Text unter den Fotos lautet unter anderem: Restaurant zum Hansenhaus Rechts. Bes. F. Schmenner. An der Hauswand allerdings steht: Restauration Hansenhaus rechts. Der Besitzer im Jahre 1915 war Friedrich Schmenner (1851-1918).


 
Nachfolgend der Original-Wortlaut des oben genannten Artikels von Susanne Blaha in der Ausgabe vom Dienstag, den 12. April 1994, der Oberhessischen Presse.

Nach dem 10. Johann hieß das Lokal dann schließlich Hansenhaus 
Die Schmenners kamen als Schäfer nach Marburg, später waren sie Gastwirte 

Marburg. 1736 gab die Stadt  Marburg einem Schmenner "Auf dem Kaff“ einen  Acker auf drei Jahre  zur Leihe". Später  gehörte ihm das Hansenhaus. 

Die Schmenners kamen im 17. Jahrhundert aus Sterzhausen und Cappel als Schäfer des Deutschen Ordens und des Landgrafens "Auf den Glaskopf“ in der Universitätsstadt.

Johann Schwenner ist 1745 "Auf'm Berg"

xDie Information stammt von Dieter Woischke, der sie wiederum, von dem bereits verstorbenen Verleger und Marburg-Kenner Hermann Bauer hat. 1733 tauchte jener Johann Baltasar Schmenner in der Steuerliste auf, der später den Acker "Auf dem Kaff" bestellte. 1745 erscheint ein zweiter Schmenner, nämlich Johann Wilhelm, "Aufm Berg" in  Marburg. Johann Schmenner "vom Schweinsgrund" wurde 1762 "zum allhiesigen Bürger aufgenommen. und verpflichtet". Schweinsgrund ist der alte Flurname des Gebietes, auf dem die.heutigen Gasthäuser liegen. 1762,  weiß Woischke von Bauer, wird  bezeugt, daß die Eltern des Johann Schmenner "auf dem Hansehaus sich nicht „in Leibeigenschaft befanden". Das sei auch die erste offizielle Nachricht von dem Namen Hansenhaus. 10 Mal taucht der Vorname Johann in der Ahnenreihe der Schmenners auf, Bauer   war  der  Meinung, daß hier der  Ursprung für den  Namen  Hansenhaus lag. 

Seit 1843 gibt's ein Haus rechts und eins links

1800 hieß es immer noch "auf dem Hansenhaus im Schweinsgrund". 1843 bis 94 wird  ein  Ludwig  Schmenner im Hansenhaus links und 1845 ein Johann Georg  Schmenner im  Hansenhaus rechts in alten Dokumenten erwähnt. Zu diesem  Zeitpunkt dürfte nach Kenntnis Bauers die Spaltung der  erfolgt  sein.

Anmerkung:
Die Informanten der Verfasserin dieses Artikels der Oberhessischen Presse verfügten nicht über die heutigen Recherchemöglichkeiten wie Internet, digitalisierte Akten, Karten, Kirchenbücher und Personenstandsregister sowie für jedermann frei zugängliche Archive. Dadurch ist der Artikel aus heutiger Sicht teilweise sehr fehlerhaft und deshalb in sich widersprüchlich. Die Verfasserin des Artikels hat die ihr gegebenen Informationen einfach ohne Nachrecherche übernommen. Schade.


Quelle: Oberhessische Presse, Marburg, Marburg in alten Bildern, Dienstag 12.April 1994






Am

Freitag, 1. Juli 2016

Wie alles begann - Teil VI


35 Jahre Hansenhaus-Gemeinde
Das 35. Jubiläum der Hansenhaus-Gemeinde nahm die Oberhessische Presse am 04. July 1969 zum Anlass, einen Artikel über die Urbarmachung und Besiedlung des Schweinsgrund bei Marburg mit dem angrenzenden Berg Kaff durch die Sippe Schmenner sowie die Entstehung des Bismarckturm und der Siedlung der Siedlergemeinschaft beim Hansenhaus zu veröffentlichen.

Die Oberhessische Presse berichtete am 04. July 1969:
 
HARTE ARBEIT AUF STEINIGEM BODEN
Mit 1500 Mark Eigenkapital gebaut
Vor 35 Jahren wurden die ersten Häuser in der Hansenhaus-Siedlung errichtet / Heute Jubiläumsfest

Die Hansenhausgemeinde wird an diesem Wochenende auf dem Bolzplatz an der Gerhart-Hauptmann-Schule in einer Veranstaltungsfolge ihres 35jährigen Bestehens gedenken, führt sie doch ihren Ursprung auf die 1933/34 errichtete sog. Stadtrandsiedlung südlich der Großseelheimer Straße (Brüder-Grimm-Straße) zu­ rück. Dieser Stadtteil hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Bau neuer Straßen und zahlreicher Wohnhäuser nördlich der Großseelheimer Straße enorm weiterentwickelt, so daß er heute mehrere tausend Bewohner umfaßt. Die Jubiläumsfeier gibt Veranlassung, auf die geschichtliche Vergangenheit des Geländes zurückzublicken, auf dem das neue Wohnviertel entstanden ist.

Vermutlich im 17. Jahrhundert hatte sich eine aus Holland eingewanderte Familie Snyder (Schneider) in der sich vom Lahnberg nach dem Zahlbachtälchen hinab ziehenden Talmulde, Schweinsgrund genannt, angesiedelt. Als ihr Anwesen zu Anfang des 18. Jahrhunderts niederbrannte, zog sie nach Weidenhausen und baute sich dort einen neuen Hof an der Hahnengasse, um 1810 erwarb sie schließlich den alten Fronhof Am Grün. Die mit ihr verschwägerte Familie Johann Balthasar Schmenner übernahm oberhalb des Kaffwaldes ein zum abgebrannten Schneiderschen Anwesen gehöriges Gebäude, das auf einer Flurkarte von Obert J.G. Schleenstein aus den Jahren 1704-1708 als "Mückenhaus" verzeichnet ist, wahrscheinlich nach den südlich dahinter liegenden Berghängen benannt, die auf einer·Flurkarte von 1750 die Bezeichnung "Weiße Möcke" tragen (heute "Gebrannter Berg" und.Spitzer Berg"). Johann Balthasar Schmenner erwarb neben seinem Anwesen noch Rodland.
Laut Eintragung in dem Ratsprotokoll der Stadt Marburg vom 6. November 1736 verpachtete die Stadt "dem Schmenner uffm Kaff", der bereits 1733 in einem Steuerregister erwähnt wird, einen Acker.
Im Kammerarchiv, Pachtrepositur Marburg Nr. 11 vom Jahre 1743 findet sich (nach Reimer) die Bemerkung "Bey des Hanssen Hauses der Schweinsgrund".
 

1745 findet sich ein zweiter Ansiedler "uffm Berg" namens Johann Wilhelm Schmenner, vermutlich ein Bruder des Johann Balthasar und Erbauer von Hausenhaus rechts, dessen Nachkommen (jetzt Fritz Schmenner) noch heute Besitzer des Anwesens sind, während Hansenhaus links seit 1895 in andere Hände überging.

Die Besitzer beider Hausenhäuser betrieben seit Anfang vorigen Jahrhunderts kleine Gastwirtschaften, die von Bürgern, Studenten und Soldaten bei Spaziergängen gern aufgesucht wurden und sich nach Um- und Erweiterungsbauten inzwischen zu beliebten Aus­ flugslokalen entwickelt haben. Mit Er­öffnung der Gastwirtschaften, die im Volksmund .,dem Hannes sein Haus" genannt wurden, entstand die heutige Bezeichnung "Hansenhaus", von der die Hausenbaus-Gemeinde ihren Namen ableitet.

Bismarckturm für 16 000 Mark
Im Bereich der Hansenhausgemeinde, Richtung Glaskopf, wo Professor Euri­cius Cordus bereits um die Mitte des 16. Jahrhunderts einen vier Morgen großen, von einer Hecke umgrenzten, botanischen Garten angelegt hatte, er­ scheint auf einer Flurkarte von 1750 die Bezeichnung "der Hopffengarten zum Schwan", ein Hinweis darauf, daß vom Schwanhof aus (ihm wurde im 16. Jahrhundert der Glaskopfhof mit umliegendem Gelände angegliedert), Hopfen angebaut worden ist.1848 sowie in den Jahren 1867 bis 1869 befanden sich etwa an der Stelle, an der später das Forsthaus errichtet worden ist, Schießstände des Marburger Schützenvereins.
Am 21. Juni 1904 wurde die mit einem Kostenaufwand von 16 000 Mark errichtete Bismarcksäule eingeweiht, im gleichen Jahre die Bismarckpromenade vom Cappeler Berg bis zu den Hausenhäusern angelegt, die dann 1909 bis zum Südbahnhof verlängert worden ist.
1906 errichtete man an der Weintrautseiche eine kleine Schutzhütte und pflanzte die Lindenallee in Richtung Großseelheimer Straße.
1907 wurde das zusammen gerutschte Mauerwerk der Richtstätte Rabenstein (seit 1753), auf der 1864 die letzte öffentliche Hinrichtung in Marburg stattfand, wieder aufgebaut und bepflanzte 1912 ein etwa 80 Ar großes Gelände von dort in Richtung Hansenhaus rechts mit etwa 2000 Eichen, Lärchen und Birken.
 

Als Anfang der dreißiger Jahre die Arbeitslosigkeit in Deutschland immer drückender wurde, stellte das Reich zur Schaffung von Siedlerstellen für vorstädtische Kleinsiedlungen Mittel bereit, um arbeitslosen und kinderreichen Familienvätern eine Hebung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse zu ermöglichen. Zudem herrschte damals auch großer Mangel an Kleinwohnungen. Im September 1932 genehmigten die Stadtverordneten zur Errichtung einer Stadtrandsiedlung für zwanzig Siedler die Aufnahme eines Darlehens von 50 000 Mark. Zunächst war als Siedlungsgelände 24 000 Quadratmeter stadteigenen Bodens auf dem sog. Tanzplatz oberhalb des Stadtteils Ockershausen vorgesehen. Dieser Plan kam aber infolge der fehlenden Trinkwasserversorgung nicht zur Durchführung. Man entschloß sich dann, das notwendige Gelände in Größe von 46 000 Quadratmetern südlich der Großseelheimer Straße vom Forstfiskus zu erwerben und dort 42 Siedlerstellen in 21 Doppelhäusern, darunter 14 Eigensiedler, zu errichten. Das Reich stellte für jeden Siedler 2250 Mark Darlehen zu billigem Zinssatz bereit. Die Eigensiedler erhielten aus einem anderen Fonds je 800 Mark und mußten 1500 Mark an Eigenkapital aufbringen. Die Stadtverwaltung übernahm mit einem Kostenaufwand von 28000 Mark den Geländeerwerb, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Straßenbau usw. Die Siedler wurden verpflichtet, bei allen Arbeiten unentgeltlich und tatkräftig mindestens hundert Stunden mittätig zu sein, Umzäunungen der ihnen zugeteilten Grundstücke mußten sie selbst herstellen, infolge fehlender Kanalisation wurde bei jedem Hause eine Grube angelegt, die regelmäßig entleert werden mußte.

Die Siedlungshäuser wurden für die ersten drei Jahre verpachtet, später konnten diese als Eigentum übertragen werden. Die Pacht betrug während dieser Zeit etwa 15-20 Mark monatlich. Es meldeten sich zahlreiche Bewerber, von denen 28, meist Arbeitslose oder Kurzarbeiter, ausgesucht wurden. Für die Eigensiedlungsstellen interessierten sich kleine Angestellte, Gärtner und zwei städtische Polizeibeamte.
 

Am 21. August 1933 konnte der erste Spatenstich zur Errichtung der Siedlungshäuser erfolgen. Bereits im Juli hatten die Siedler einen etwa 500 Meter langen Wasserleitungsgraben vom Behälter an der Scheppe-Gewisse­ Gasse aus angelegt, eine infolge des damals trockenen Sommers und z. T. steinigen Bodens sehr harte Arbeit. Monatelang wurde fleißig an dem Aufbau der Siedlungshäuser gearbeitet, bis dann ein zünftiges Richtfest gefeiert werden konnte. Zum Ausbau der Brüder-Grimm-Straße zog das Stadtbauamt Pflichtarbeiter heran. Die ersten Siedler konnten am 30. April und die letzten am 15. Mai 1934 ihren Einzug in die neuen Häuser halten, bei denen sie auch Stallungen zur Haltung von Kleintieren eingerichtet hatten. Mit Eifer gingen sie dann an die Anlage ihrer Gärten. Im Jahre 1956 wurde die Stadtrandsiedlung kanalisiert und 1958 durch Bau von weiteren 13 Siedlerstellen an der neu angelegten Gerhart-Hauptmann-Straße erweitert.

Reges geselliges Leben
 

Mit Befriedigung kann die Hausenhaus-Gemeinde in ihrem Jubiläumsjahr auf das von ihr Erreichte zurückblicken. Viel Arbeit, Mühe und Sdlweiß erforderte es, als vor 35 Jahren die ersten Siedler aus der Altstadtenge heraus auf die Lahnberge zogen, um sich hier in gemeinsamer Arbeit ein von grünenden und blühenden Gärten umgebenes Eigenheim zu schaffen. Wer heute seine Schritte durch das nach dem letzten Weltkrieg enorm erweiterte Wohngebiet lenkt, bemerkt in den liebevoll und vorbildlich gepflegten Zier- oder Wirtschaftsgärten überall zufriedene Menschen. Die Hausenhausgemeinde hat es aber auch schon von den ersten Jahren an verstanden, das gesellige Leben unter ihren Mitgliedern zu fördern und zu pflegen, um damit ein freund-/nachbarliches Band zu knüpfen. Erntedankfeste, Weihnachtsfeiern für Kinder und Erwachsene, Faßpartien, Fastnachtstanz, Altennachmittage, Busfahrten ins Blaue usw. sind seit Jahren selbstverständlich geworden.

Ausspracheabende mit Vertretern der Stadtverwaltung trugen dazu bei, daß in dem neu entstandenen Stadtteil die Straßen-, Wege- oder Beleuchtungs­ und Verkehrsverhältnisse erheblich verbessert werden konnten. Am Rabenstein und an der Gerhart-Haupt mann-Straße entstanden Kinderspielplätze und die Wiese vor der Bismarcksäule gestaltete die Stadtgärtnerei in eine besonders von den Alten gern aufgesuchte Schmuckanlage um. Einen Markstein in der Entwicklung der Hansenhaus-Gemeinde bildeten 1963 der Bau einer Grundschule und eines Kindergartens an der Gerhart-Hauptmann­Straße.


Möge das Jubiläumsfest dazu beitragen, das Zusammengehörigkeitsgefühl noch weiter zu stärken und viele bisher noch Abseitsstehende veranlassen, sich der Hansenhaus-Gemeinde als Mitglieder anzuschließen, vor allem aber auch durch ihre Mitarbeit dazu beitragen, daß noch weiter auftauchende Probleme zum Wohle aller gelöst werden können. Wer wollte sich auch dieser schönen Gemeinschaftsaufgabe entziehen?



Quelle: Stadtarchiv Marburg - Nachlass Hermann Bauer - Nr. 1689