Hansenhaus Rechts - Gemälde

Hansenhaus Rechts - Gemälde
Hansenhaus Rechts zu Marburg an der Lahn ca. im Jahre 1897 - Gemälde von Friedrich (Fritz) Klingelhöfer (04.061832 - 09.11.1903) Marburger Landschaftsmaler - Bildarchiv Foto Marburg 221331

Sonntag, 1. November 2015

Wie alles begann ...

Der Ursprung des Stadtteils Hansenhaus
mit der Hansenhaus-Gemeinde vor 280 Jahren
von Hubertus Schmenner


Man schreibt das Jahr 1733. Die Stadt Marburg mit ihren um die 5.000 Einwohnern befindet sich noch weitgehend in den von der Stadtmauer mit ihren Stadttoren gesetzten Grenzen. Auf der gegenüberliegenden Lahnseite erstreckt sich als Brückenvorstadt "Weidenhausen" an deren Ende sich die Kapelle St. Jost mit dem nicht mehr existierenden Siechenhaus befindet. Damit ist für die Marburger faktisch die Welt zu Ende. ln östliche Richtung führt ein Hohlweg zu einer den Lahnbergen vorgelagerten Hochterrasse mit den Flurbezeichnungen "uffm Kaff" und "Schweinsgrund". Offensichtlich bestehen bis dahin die dort gelegenen Ländereien aus Unland und sind noch nicht gerodet und urbar gemacht.

Im Jahr 1733, vor nunmehr 280 Jahren, erscheint im Kontributionsregister der Stadt Marburg als erster Siedler "uffm Kaff" Johann Balthasar Schmenner, der von der Gemeinde Marbach kommend, von der Stadt Marburg Rodland erworben, dieses urbar gemacht und Wohnhaus und Scheune darauf erbaute. Nach alten Protokollen erhält der Schmenner "uffm Kaff" in 1736 von der Stadt  weitere Ländereien in Leihe. Somit ist bereits nach drei Jahren eine Vergrößerung des Anwesens dokumentiert. Was veranlasste 1733 Johann Balthasar Schmenner dazu von der Marbach auf dieses unwirtliche Hochplateau zu ziehen? War es der Wunsch nach Selbständigkeit, war es die Hoffnung auf etwas Wohlstand oder einfach nur Pioniergeist  Wir wissen esnicht. Betrachtet man die Entwicklung bis zum heutigen Stadtteil, so war die Entscheidung richtig.

Im Jahr 1745 erscheint in den städtischen Registern ein zweiter Ansiedler "aufm Berg". Es ist Johann Wilhelm Schmenner. Auch er baut Wohnhaus und Scheune und macht Ländereien im "Schweinsgrund" urbar. Während Johann Wilhelm Schmenner auf der linken Seite seine Flächen im Schweinsgrund bewirtschaftete, hatte Johann Balthasar Schmenner die Grundstücke auf der  rechten Seite "uffm Kaff" in Bewirtschaftung. Diese Unterscheidung in "links" und  "rechts"  sollte  später  eine Bedeutung bis zum heutigenTag haben. Seide Anwesen müssen sich im Laufe der Jahre wirtschaftlich  entwickelt haben, wozu sicher nicht unerheblich eine Schankerlaubnis beigetragen  hat.  Seide Familien hatten  die  Genehmigung zum Ausschank von  Getränken und  zur  Ausgabe einfacher Speisen. Da  die Häuser unmittelbar an dem Fahrweg nach Schröck und Bauerbach lagen,bot sich an, dass die Pferdefuhrwerke und Ochsenkarren auf ihrem Weg nach Marburgund zurück dort Station machten und für eine Stärkung von Mensch und Tier sorgten. Ebenfalls waren viele Leute von den Dörfern zu Fuß nach Marburg unterwegs. Auch diese nutzen gerne die Möglichkeit der Einkehr. Auch unter den Marburger Bürgern hatte sich  schnell  herumgesprochen,  dass man in den Höfen "uffm Kaff" und im "Schweinsgrund" einkehren konnte und gut bewirtet wurde. Der Grundstein für zwei bis heute erhaltene Ausflugslokale war gelegt.

Der Name "Hansenhaus" taucht erstmals in einem Stadtprotokoll vom Juni 1762 auf. Wie es zu dem Namen "Hansenhaus" kam, darüber ranken sich Legenden. Eine Version deutete darauf hin, dass eine Verbindung zum Städtebund der "Hanse" bestanden haben soll. Die andere  brachte den Scharfrichter der nahen Richtstätte "Rabenstein", der den Namen "von Hansen" geführt haben soll, ins Spiel. Dies alles ist jedoch nicht bewiesen. Wahrscheinlich ist der Name "Hansenhaus" von Vornamen der beiden Familien Schmenner abgeleitet, die beide auf den Rufnamen"Johann" hörten.  Da  im  alten  Sprachgebrauch  die  Vornamen  Johann/Johannes oft auf"Hannes" abgekürzt wurden, ist es glaubhaft, dass die Marburger Bürger bei ihren Wanderungen und Ausflügen sagten: "Heute gehen wir zum "Hannes sein Haus" und dies im Laufe der Jahre zu der Bezeichnung "Hansenhaus" geführt hat. ln späteren Jahren wird dann zur Unterscheidung der beiden Hansenhäuser der Zusatz "rechts" und "links" entstanden sein. Diese Unterscheidung ist bis zum heutigen Tag für die beiden Gastronomiebetriebe aktuell. Nach einer alten Bürgerliste von 1781 war der Hof- und Grundbesitz "auf dem Hansenhaus genannt im "Schweinsgrund" (Hansenhaus links) auf einen Balthasar Mengel übergegangen während das andere Anwesen (Hansenhaus rechts) im Besitzvon Johannes Schmenner blieb.

Die Einwohnerstatistik von 1885 listet für die beiden Hansenhäuser insgesamt 11 Bewohner auf. Bis zu diesem Zeitpunkt waren keine weiteren Gebäude hinzugekommen. Dies sollte sich kurze Zeit später ändern.Zu Beginn der 1890erJahre wurde die "Försterei Hansenhaus" erbaut um eine ortsnahe Bewirtschaftung der  umfangreichen  Waldungen  der Lahnberge zu gewährleisten. Die Försterei bestand aus Wohnhaus mit Wirtschaftsgebäuden und die dazu gehörigen Ländereien wurden von derFamilie des Försters bewirtschaftet . Erst 1904 wurde mit dem "Bismarckturm" wieder ein Gebäude auf dem Areal in Nähe der Hansenhäuser errichtet. Die Stadt Marburg folgte dem Beispiel vieler Städte und baute für seine Bürger und Studenten eine "Bismarcksäule" mit Befeuerungsanlage. ln der Folgezeit zogen bei  Sonnenwende  und  nationalen Feiertagen  die  Marburger Bürger und Studenten in einem Fackelzug hinauf auf den Berg zum traditionellen Bismarckfeuer. Ein zu dieser Zeit sicher großes Event. Bis zur Erbauung eines weiteren Hauses sollten wieder 20 Jahre vergehen. Im  Jahr 1924 errichtete unterhalb des Hansenhaus rechts Professor Wirth Roeper-Bosch eine große Villa die er "Ehresburg" nannte und die seine Bibliothek und Sammlungen beherbergte. Dort ging Professsor Wirth Roeper-Bosch seinen Forschungen zur Urreligionsgeschichte und Symbolkunde nach. Abgesehen von An- und Erweiterungsbauten der beiden Hansenhaus  Gaststätten  fanden in den kommenden Jahren auf den großen Grundflächen, die sich überwiegend in öffentlicher Hand befanden und landwirtschaftlich genutzt wurden, keine baulichen Aktivitäten statt.


Erst  200  Jahre nach dem amtlichen Nachweis des ersten Ansiedlers Johann Balthasar Schmenner "uffm Kaff" sollte sich dies grundlegend ändern. Im November 1933 konnte das Richtfest für 42 Siedlerstellen der "Stadtrandsiedlung" gefeiert werden und bereits im Mai 1934 konnten die zumeist in Eigenleistung errichteten Häuser bezogen werden. Der Grundstein für die erste geschlossene Wohnbebauung im heutigen Stadtteil Hansenhaus war gelegt und aus dem Zusammenschluss zu einer Siedlergemeinschaft  die Grundlagefür die heutige Hansenhaus-Gemeinde gegeben. Die Wirren des 2. Weltkriegs und der Nachkriegszeit hatte die Stadtrandsiedlung unbeschadet überstanden. Zu Beginn der 1950er Jahre begann eine rege Bautätigkeit   auf beiden Seiten der Großseelheimer Straße bis hinunter zum  Glaskopf und rund  um  den  Bismarckturm. Jedes freie und bebaubare Grundstück wurde genutzt. Die Expansion des Stadtteils Hansenhaus war nicht mehr aufzuhalten. Die Darlegung der Entwicklung ab den 1950er Jahren sollte jedoch einem gesonderten Artikel vorbehalten bleiben.


<Der Verfasser Hubertus Schmenner ist ein direkter Nachkomme  von Johann Balthasar Schmenner, dem ersten Siedler von 1733. Er ist nicht wie seine Vorfahren Gastwirt geworden. Hubertus Schmenner war als Abteilungs­leiter für Haushalt und Finanzen in der Zentralverwaltung  der Philipps-Universität tätig.

Ein weiterer direkter Nachkomme  von Johann Balthasar Schmenner, dem ersten Siedler von 1733, Wolfgang O. H. Schmenner war von 1974 bis 1992 der letzte Wirt der Schmenners auf dem Hansenhaus Rechts.>